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Florian Einböck
05. Okt. 2026 | 6 Minuten Lesezeit
Die Modernisierung der Architektur der Leit- und Sicherungstechnik (LST) bedeutet nicht einfach, veraltete Komponenten auszutauschen – sie bietet die Chance, die zugrunde liegende Architektur von Grund auf neu zu denken. Diese Chance entsteht, weil weltweit mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig auf die Bahninfrastruktur wirken: alternde Stellwerksgenerationen, steigende Kapazitätsanforderungen, knapper werdende Budgets und eine fragmentierte Lieferantenlandschaft mit proprietären Architekturen. Zusammen treiben sie die Branche in eine anspruchsvolle Modernisierungsphase.
Die meisten aktuellen LST-Modernisierungsprojekte gehen in dieselbe Richtung: eine herstellerunabhängige Architektur, in der die Stellwerkslogik zentral läuft, während dezentrale Object Controller die Feldelemente über IP-basierte Netzwerke ansteuern. Möglich macht dies die Standardisierung: Sie lässt Stellwerke, Object Controller und Feldelemente verschiedener Hersteller zuverlässig zusammenwirken. EULYNX ist ein führendes Beispiel. Die aktuelle Baseline 4 definiert standardisierte Schnittstellen zwischen Stellwerken und Feldelementen und unterstützt damit denselben Wandel hin zur Zentralisierung der Stellwerke in Rechenzentren.
Das Potenzial ist messbar. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zum deutschen Programm „Digitale Schiene Deutschland“ prognostiziert durch moderne digitale Infrastruktur Kapazitätssteigerungen von bis zu 15 %. Standardisierung senkt zudem die Lebenszykluskosten und hilft Betreibern, den Vendor-Lock-in zu vermeiden, den proprietäre Systeme häufig verursacht haben. Die praktische Frage lautet, welche Architektur und welche Umsetzungsstrategie diese Vorteile realisieren können.
Object Controller sind der technologische Enabler, der diese beiden Welten verbindet. Frauscher Sensortechnik ist seit 2002 in Standardisierungsinitiativen aktiv und hat dabei über zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Schnittstellenintegration und in der sicherheitsrelevanten Softwareentwicklung aufgebaut. Den Anfang machte der Frauscher Advanced Counter FAdC®, ein Achszählsystem mit Relais- und Softwareschnittstellen für etablierte Stellwerksplattformen. Ab 2019 folgte die Arbeit als EULYNX Early Adopter, bei der Frauscher Felderfahrung mit europäischen Bahnbetreibern sammelte.

Diese Erkenntnisse bündelt die Frauscher Advanced Platform FAdP, inzwischen in der vierten Generation. FAdP ist kein einzelnes Produkt, sondern ein gemeinsames Fundament für mehrere Object Controller Typen: FAdP Point für die SIL-4-konforme Weichensteuerung und FAdP IO für generische I/O-Funktionen in unterschiedlichen Feldanwendungen. Ein weiterer Object Controller, FAdP TDS für die Zugdetektion, befindet sich derzeit in der Konzeptphase, da Frauscher das Marktinteresse an einer Übertragung derselben Plattformlogik auf diese Anwendung auslotet. Die entsprechende Rolle übernimmt heute bereits FAdC® in Kombination mit Frauscher Connect Devices.
Rund 70 % der Komponenten sind über diese verschiedenen Object Controller Typen hinweg identisch, etwa 30 % sind anwendungsspezifisch. Mehrere Instanzen desselben Feldelements lassen sich unter einem einzigen „Multi-Element-Controller“ bündeln. Ein „Multi-Type-Controller“ kann dagegen mehrere unterschiedliche Objekttypen – Weiche, Zugdetektion und I/O – in einem System steuern. PDI-Stacking ermöglicht es mehreren Object Controllern, sich eine einzige RaSTA-Verbindung zum Stellwerk zu teilen, und reduziert so die Anzahl der physischen und logischen Schnittstellen, die auf Systemebene benötigt werden.

Diese Plattformlogik übersetzt sich in eine Reihe konkreter Vorteile für Betreiber:
Geringere Lebenszykluskosten und einfachere Instandhaltung durch systemübergreifende Software-Updates
Geringerer Platz- und Energiebedarf
Einfachere Integration von Feldelementen unterschiedlicher Hersteller über standardisierte Schnittstellen
Eine modulare Konnektivitätseinheit, umgesetzt als Frauscher Connect Device, trennt zwei Bereiche voneinander: die sicherheitsrelevanten Applikationseinheiten, die für Nutzungsdauern von 30 Jahren und mehr ausgelegt sind, und die security-relevante Netzwerkkommunikation. Diese muss weitaus häufiger aktualisiert werden, um zeitnah auf neue Security-Szenarien, Vorfälle oder Schwachstellen zu reagieren. Da diese Komponente von FAdP Point, dem künftigen FAdP TDS und FAdP IO gemeinsam genutzt wird, lassen sich Security-Patches über die gesamte Familie ausrollen, ohne SIL-4-zertifizierte Komponenten anzutasten.

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Head of Portfolio Strategy
Während Europa bei dezentralen digitalen Architekturen führend ist, zeichnen sich andernorts ähnliche Entwicklungen ab. So führt Indien im Rahmen groß angelegter Modernisierungsprogramme das Standard Indian Protocol SIP ein – einen Standard auf Basis einer Spezifikation nach EULYNX 3.5. Bereits jetzt laufen Gespräche über eine weitere Migration auf EULYNX 4 oder höher. Die zugrunde liegenden Prinzipien – modulare Architektur, standardisierte Schnittstellen, entkoppelte Zeitskalen der Lebenszyklen – lassen sich auch dort übertragen, wo die genauen Spezifikationen voneinander abweichen.
Das ist wichtig, weil Betreiber selten identische Ausgangsbedingungen vorfinden. Ob ein Betreiber ein System komplett erneuert oder schrittweise migriert, hängt vom Zustand der Bestandsanlagen, den verfügbaren Budgets, den Betriebsfenstern und den strategischen Zielen ab. Greenfield-Projekte (Neubauvorhaben) können von Beginn an eine vollständige EULYNX-Architektur einsetzen. Brownfield-Modernisierungen folgen dagegen in der Regel einem gestuften Weg: Zuerst werden die Feldelemente digitalisiert, und das Stellwerk bleibt bestehen, bis es sich ersetzen lässt, ohne dass erneut in die Feldinfrastruktur eingegriffen werden muss.
Dezentrale Architekturen verändern auch, wie Betreiber ihre Systeme beschaffen und verwalten. Object Controller auf einer generischen Plattform lassen sich nicht aus einer Hand beschaffen. Der modulare Ansatz erfordert eine fortlaufende Zusammenarbeit zwischen Betreibern und spezialisierten Herstellern, insbesondere für die langfristigen Security-Verpflichtungen, die eine 30-jährige Nutzungsdauer mit sich bringt. Neue Technologien verstärken diesen Wandel: Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen ermöglichen vorausschauende Wartung, digitale Zwillinge schaffen virtuelle Abbilder der physischen Infrastruktur, und cloudbasierte Plattformen bündeln Diagnosedaten über verteilte Anlagen hinweg.
Eine generische Object Controller Plattform wird die Kapazitäts- und Kostenzwänge, mit denen Bahnbetreiber heute konfrontiert sind, nicht allein lösen. Sie bietet jedoch ein Fundament, das flexibel genug ist, um mit den Ansprüchen eines Projekts zu wachsen, und standardisiert genug, um über Jahrzehnte des Betriebs hinweg die Tür für unterschiedliche Lieferanten offen zu halten. Dieses Potenzial zu realisieren, ist nicht die Aufgabe eines einzelnen Unternehmens – es setzt voraus, dass Betreiber, Integratoren und Hersteller diese Architekturfragen gemeinsam lösen.

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