Sichere Plattform für Object Controller in der Praxis: drei Anwendungsszenarien
Open trackside cubicle with Frauscher FAdP Point, FAdP TDS and FAdP I/O modules mounted.

Sichere Plattform für Object Controller in der Praxis: drei Anwendungsszenarien

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Florian Einböck

28. Okt. 2026 | 6 Minuten Lesezeit

Wie eine generische Plattform für Object Controller tatsächlich funktioniert, zeigt sich am besten in der Praxis. Dezentrale, standardisierte Architekturen werden schon seit Längerem als Zukunft der Signaltechnik diskutiert. Besonders spannend ist dabei die Frage, wie sie sich auf die sehr unterschiedlichen Anforderungen anwenden lassen, vor denen Betreiber heute stehen. Drei Szenarien rund um die Frauscher Advanced Platform FAdP veranschaulichen das: eine herstellerübergreifende Integration unter realen Betriebsbedingungen, eine platz- und kostengetriebene Konsolidierung sowie ein pragmatischer Migrationspfad für Bestandsinfrastruktur. Das erste Szenario wird bereits im Feld umgesetzt.

Drei Szenarien, eine generische Plattform

Herstellerübergreifende Integration unter realen Bedingungen: das finnische Digirail-Projekt

Das Digirail-Projekt der finnischen Verkehrsinfrastrukturbehörde (Finnish Transport Infrastructure Agency, FTIA) markiert einen Meilenstein für die europäische Signaltechnik: Erstmals wurden Object Controller getrennt vom zentralen Leit- und Sicherheitssystem ausgeschrieben. Frauscher Sensortechnik liefert EULYNX-konforme Object Controller: einen für die Weichensteuerung auf Basis von FAdP und einen für die Zugdetektion auf Basis des bewährten Frauscher Advanced Counter FAdC®. Die Lieferung erfolgt über den Systemintegrator Mipro Oy, der gemeinsam mit Siemens und Relesoft beide Object Controller über die standardisierten EULYNX-Schnittstellen SCI-P und SCI-TDS in das Siemens-Stellwerk DS3 integriert.

Open Cubicle with product FAdP Point mounted.

Die ersten Integrationstests fanden zwischen Oktober und November 2025 im Track Technology Learning Centre in Kouvola unter realen Betriebsbedingungen statt. Nach Inbetriebnahme und Konfiguration lieferten die FAdP Point Units von Beginn an präzise Ergebnisse: Sie steuerten problemlos verschiedene Siemens-Weichenantriebstypen, und die Endlagenüberwachung der Weichen funktionierte wie spezifiziert. Auch die verschlüsselte Kommunikation über SSI war Teil des Testumfangs. Die Projekterfahrung bestätigt: Eine erfolgreiche herstellerübergreifende Integration hängt ebenso von der engen Zusammenarbeit aller Beteiligten ab wie von der Technologie selbst – insbesondere bei der Parametrierung der Schnittstellen und der Abstimmung zwischen den Subsystemen.

Konsolidiert: Mehrere Object-Controller-Typen in einem Schaltschrank

Ein konventioneller Bahnhofsbereich mit Weichen, Gleisfreimeldung und zusätzlichen I/O-Funktionen erfordert typischerweise drei separate Systeme – jedes mit eigenem Schaltschrank, eigener Stromversorgung, Klimatisierung und redundanten Netzwerkkomponenten. Bei verschlüsselter Kommunikation kommen zudem zwei Cybersecurity-Module pro Object Controller hinzu. Die Kosten steigen entsprechend.

Cubicle from the inside where several products like FAdP Point, FAdP I/O and FAdP TDS are mounted.

Das FAdP-Plattformkonzept bietet eine konsolidierte Alternative, die bereit für die Umsetzung ist: FAdP Point, FAdP TDS und FAdP IO, kombiniert in einem einzigen dezentralen Schaltschrank. Sie teilen sich den Spannungsschutz und – über zwei Frauscher Connect Devices – die Infrastruktur der Konnektivität. Frauscher Connect unterstützt bis zu sechs RaSTA-Verbindungen, implementiert die standardisierten Schnittstellen nach EULYNX Baseline 4 und fungiert als OPC-UA-Aggregator für Diagnosedaten. Im analysierten Szenario ergeben sich daraus gegenüber drei separaten Installationen eine Volumenreduktion um 60 bis 80 %, eine einzige statt drei Stromversorgungen sowie eine gemeinsame Klimatisierung, die Energieverbrauch und Betriebskosten senkt. Da die zugrunde liegende Hardwareplattform für alle drei Object-Controller-Typen identisch ist, bleibt die Konfiguration softwarebasiert. Werksabnahme, Dokumentation und Logistik profitieren gleichermaßen von der Konsolidierung.

Migration von Bestandsstellwerken ohne neue Feldarbeiten

Viele Märkte betreiben nach wie vor relaisbasierte oder elektronische Stellwerke mit umfangreicher Verkabelung, proprietären Schnittstellen und starker Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten. Ein vollständiger Stellwerkstausch ist – gerade in großen, heterogenen Netzen – wirtschaftlich oder betrieblich oft nicht realisierbar. Gleichzeitig benötigen Betreiber zunehmend digitale Architekturen, um Wartbarkeit, Skalierbarkeit und Lebenszykluseffizienz zu verbessern.

Moderne Object Controller zeigen, wie sich eine solche Migration pragmatisch umsetzen lässt. Wo eine alternde, sternförmige Verkabelung die Anforderungen an Verfügbarkeit und Sicherheit nicht mehr erfüllt, kann FAdP Point die sichere Steuerung und Überwachung des Feldelements Weiche übernehmen. FAdP IO fungiert dabei stellwerksseitig als Adapter: Es empfängt die bestehenden elektrischen Signale, wandelt sie in digitale Signale um und überträgt sie per RaSTA über ein IP-basiertes Netzwerk an FAdP Point. Die Stellwerkslogik selbst bleibt unverändert, da FAdP IO die relevanten Parameter der etablierten Verbindung emuliert, etwa betrieblich bedingte Verzögerungen. Über den Ersatz langer Kabelstrecken hinaus kann dieser Ansatz Kabelbrüche, Isolationsfehler und das Diebstahlrisiko reduzieren. Zugleich liefert er vom ersten Tag an Daten für die Zustandsüberwachung: Ströme, Spannungen und mechanische Parameter des Weichenantriebs. Da FAdP Point und FAdP IO von Grund auf EULYNX-kompatibel konzipiert sind, hält dieser schrittweise Ansatz eine spätere, vollständig EULYNX-konforme Architektur in Reichweite.

Digirail zeigt, dass dezentrale, standardisierte Object Controller bereits heute im Feld funktionieren. Zusammen mit den beiden anderen Szenarien wird deutlich, wie unterschiedlich Betreiber dieselbe Plattformlogik auf ihren jeweiligen Ausgangspunkt anwenden können – ob bei einer herstellerübergreifenden Greenfield-Ausschreibung oder bei einem Bestandsnetz, das einen pragmatischen Weg nach vorn braucht.
Florian Einböck

Head of Portfolio Strategy

Was die drei Szenarien gemeinsam haben

Allen drei Szenarien liegt dieselbe Plattformstrategie zugrunde: ein hoher Anteil generischer Komponenten, standardisierte Schnittstellen nach EULYNX Baseline 4 und eine konsequente Trennung von Safety und Security durch modulare Konnektivitätseinheiten. Erst diese Trennung ermöglicht es, dass jeder Ansatz einer unabhängigen Lebenszyklusstrategie folgt. Weichensteuerung, Zugdetektion und I/O lassen sich über Nutzungsdauern von mehr als 30 Jahren jeweils im eigenen Zeitrahmen aktualisieren, erweitern oder migrieren – ohne dass der Upgrade-Zyklus eines Subsystems den eines anderen vorgibt.

Zusammengenommen zeigen die drei Szenarien eine generische Object-Controller-Plattform, die das Reißbrett bereits verlassen hat: zuerst in einem herstellerübergreifenden Umfeld in Finnland erprobt und flexibel genug, um Betreiber dort abzuholen, wo sie auf ihrem Weg der Modernisierung aktuell stehen.

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